„Ich scheide mit einer gehörigen Portion Wehmut“

Verlässt mit sofortiger Wirkung den FC Ingolstadt 04: Der bisherige Geschäftsführer Sport und Kommunikation, Harald Gärtner. (Foto: Bösl/KBUMM)

„Ich scheide mit einer gehörigen Portion Wehmut“

Als er im März 2007 seinen Dienst beim FC Ingolstadt 04 antrat, spielte der junge Verein in der Regionalliga Süd. Seitdem feierte Harald Gärtner drei Aufstiege, und zwar 2008 und 2010 jeweils in die 2. Bundesliga und im Sommer 2015 in die Bundesliga. Nach zwölfjähriger Tätigkeit ist nun sein Weg mit den „Schanzern“ zu Ende. Der 50 Jahre alte Ex-Profi, der in seiner aktiven Laufbahn über 100 Zweitliga-Spiele für Fortuna Düsseldorf, SV Meppen und Hannover 96 bestritt, scheidet mit sofortiger Wirkung als Geschäftsführer Sport und Kommunikation sowie als kommissarischer Sportdirektor beim FCI aus. Über die aktuelle Entwicklung und die Gründe für sein Ausscheiden äußert sich Gärtner im Interview mit fci.de.

fci.de: Wie ist es zu dieser überraschenden Trennung gekommen?

Harald Gärtner: Es ist eine Entwicklung der vergangenen Monate. Wir haben zuletzt mehrere Gespräche geführt über die sportliche und strategische Ausrichtung des Vereins für die Zukunft, in denen es unterschiedliche Auffassungen zwischen dem Aufsichtsrat und mir gab. Nach der nun vollzogenen Trennung möchte der Aufsichtsrat frühzeitig und gezielt, aber ohne Druck den Markt sondieren, um die Weichen für die Zukunft zu stellen. Ich habe das akzeptiert, weil es mir in all den Jahren meiner Arbeit immer um den Erfolg des Vereins ging und nie um meine Person. Ich wünsche den Schanzern, allen handelnden Personen und in den nächsten Wochen besonders der Mannschaft mit ihrem Trainer alles erdenklich Gute.

fci.de: Ist die Ernüchterung über das vorzeitige Ausscheiden nach dem Doppel-Engagement als Sportdirektor und Geschäftsführer Sport und Kommunikation in den vergangenen Monaten groß?

Gärtner: Sicher hätte ich mir einen anderen Abschied nach einer intensiven und aus meiner Sicht auch erfolgreichen Tätigkeit seit März 2007 in Ingolstadt gewünscht. Das Wichtigste ist jedoch jetzt, dass wir den Klassenerhalt schaffen. Wir „Schanzer“ haben trotz mancher Widrigkeiten mit Höhen und Tiefen in all den Jahren nie aufgegeben. Das hat uns immer ausgezeichnet und ist eine unserer großen Stärken. Ich vertraue daher darauf, dass Trainer und Mannschaft in den kommenden Spielen mit den Fans eine Einheit bilden und sich somit im Abstiegskampf mit den notwendigen Erfolgserlebnissen belohnen. Es wird bis zum 34. Spieltag am 19. Mai oder sogar darüber hinaus spannend werden. Aber ich bin optimistisch, dass wir den Klassenerhalt schaffen. Denn ich bin vom Charakter und der Mentalität all unserer Spieler überzeugt.

fci.de: Wie fällt der Rückblick über knapp 13 Spielzeiten im Management des FC Ingolstadt 04 in verschiedenen Positionen aus?

Gärtner: Zunächst einmal möchte ich mich beim Aufsichtsrat dafür bedanken, dass er mir über viele Jahre immer großes Vertrauen entgegengebracht und mir die Chance gegeben hat, einen Verein von kleinauf mit zu entwickeln. Die Arbeit in Ingolstadt hat mir von jeher große Freude bereitet. Sportlich, wirtschaftlich und strukturell haben wir Großartiges bewegt. Mein Dank für eine hervorragende Zusammenarbeit gilt auch Franz Spitzauer, meinem für Finanzen und Marketing zuständigen Geschäftsführer-Kollegen, dem Prokuristen Florian Günzler und allen Mitarbeitern im Verein.

fci.de: Wie fällt die Erinnerung an die Anfangsjahre  der Tätigkeit bei den Schanzern aus?

Gärtner: Wer weiß noch, wie aus MTV und ESV der FCI entstand, wie wir danach unsere Geschäftsstelle in einer Wohnung in der Gaimersheimer Straße hatten, wie unsere Mannschaften auf mehreren Sportplätzen im gesamten Stadtgebiet verteilt ihre Spiele bestritten? Wir haben in all den Jahren mit viel Akribie und Willensstärke erfolgreich gearbeitet, vieles geleistet und aufgebaut. Teamarbeit stand für mich dabei immer im Vordergrund. Und dennoch sage ich ohne Wenn und Aber: Es gibt einige Verantwortliche, deren Baby der FC Ingolstadt 04 war – und dazu gehöre auch ich. Wir haben heute ein tolles Stadion mit dem Audi Sportpark, eine moderne Geschäftsstelle und ein hervorragendes Trainingszentrum. Sponsoren wie Audi, Media Markt, adidas oder Firmen aus der Region standen immer treu zu uns. Unser Nachwuchs-Leistungszentrum wurde von DFB und DFL mit der maximalen Anzahl von drei Sternen zertifiziert. Seit unsere U 21 in der Regionalliga spielt, hat sie immer ihr Soll erfüllt und einige Eigengewächse klopfen derzeit an das Tor der Profi-Mannschaft. Unsere A- und B-Junioren spielen seit Sommer 2018 erstmals gemeinsam in der Bundesliga und die Chancen auf den Klassenerhalt sind gut. Unsere Frauen-Mannschaft steht in dieser Saison vor dem Aufstieg in die 2. Bundesliga. Nur bei den Profis ist es zuletzt nicht nach Wunsch gelaufen.

fci.de: Woran lag das?

Gärtner: Sicher habe ich auch Fehler gemacht, dass wir nach dem Bundesliga-Abstieg nicht die Erwartungen erfüllen konnten und derzeit in kräftigen Turbulenzen stecken. Ich weiß heute sehr genau, was vorübergehend an dem einen oder anderen Punkt schief gelaufen ist, aber im Nachhinein darüber zu sprechen ist nicht zielführend und darum soll es auch nicht mehr gehen. Umso mehr hoffe ich – und da wiederhole ich mich gerne -, dass jetzt Jens Keller, den ich fachlich und menschlich sehr schätze, mit der Mannschaft in die Erfolgsspur zurückkehrt und auch das nötige Quäntchen Glück im Kampf um den Klassenerhalt hat. Wir haben gemeinsam in der Winterpause auf dem Transfermarkt die Weichen so gestellt, dass wir gravierende Veränderungen im Kader vorgenommen und damit alle Voraussetzungen geschaffen haben, um nach der enttäuschenden Hinrunde die Wende herbeiführen zu können. Mein besonderer Appell geht nochmals an die Fans, das Team in dieser schwierigen Phase vorbildlich zu unterstützen. Es ist am Sonntag gegen Sandhausen und in den kommenden Spielen von großer Bedeutung, dass unsere Fans als „12. Mann“ alles geben.

fci.de: Eine letzte Frage in eigener Sache: Wie möchte Harald Gärtner in Ingolstadt in Erinnerung bleiben?

Gärtner: Ich hoffe, gut. Aber darüber mache ich mir jetzt keine Gedanken. Als Vorgesetzter habe ich sicher stets hohes Engagement gefordert und ich musste natürlich auch im Sinne der Sache manch unpopuläre Entscheidung treffen. Bei allen harten Diskussionen, die es manchmal gab, war es mir stets wichtig, Mitarbeitern in schwierigen Situationen vielfach auch privat helfen zu können. Abschließend kann ich nur sagen: Meine Tätigkeit beim FC Ingolstadt 04 war für mich mehr als ein Job, sie war mir in all den Jahren eine Herzensangelegenheit. Gerne habe ich dafür viel Energie investiert. Der Bundesliga-Aufstieg und zwei tolle Jahre in der höchsten deutschen Spielklasse werden natürlich immer als Höhepunkte in meinem Gedächtnis bleiben. Ich drücke auch nach meinem Ausscheiden unseren „Schanzern“ ganz kräftig die Daumen, dass der Verein seinen Weg erfolgreich fortsetzt. Ich bin zudem davon überzeugt, dass die Mannschaft, wenn sie den Klassenerhalt schafft, eine gute Substanz hat, um eine erfolgreiche Saison 2019/2020 zu spielen. Natürlich scheide ich heute mit einer gehörigen Portion Wehmut.