„Einfach nur Fußball spielen“ – Mohameds Weg zum Jungschanzer

Trotz aller Widrigkeiten stets mit einem Lächeln: Jungschanzer Mohamed Alhamday.

„Einfach nur Fußball spielen“ – Mohameds Weg zum Jungschanzer

Das unerschütterlichste Lächeln bei den Schanzern: Mohamed flüchtete mit 14 Jahren vor dem Krieg im Irak, überlebte neun Stunden in den Fluten des Mittelmeers und ist mittlerweile fester Bestandteil der U 16-Junioren des FC Ingolstadt 04. Eine unglaubliche Geschichte und ein Weg, der kaum härter und mitreißender sein könnte. Noch viel beeindruckender als das sehr passable Deutsch, dass sich Mohamed innerhalb eines Jahres angeeignet hat, sind sein unbändiger Wille und sein stetes Lachen. Wir haben uns mit ihm und seinem Trainer Benjamin Flicker über seinen unfassbaren Weg, sein jetziges Leben und seine Ziele unterhalten. Mohameds Antworten waren zwar etwas weniger flüssig als im folgenden Interview, doch der extrem fleißige Nachwuchs-Kicker drückt sich für sein Alter und erst einem Jahr Deutschunterricht bereits sehr gut aus – und besticht zudem mit dem Ball am Fuß.


fci.de: Hallo, Mohamed! Du bist seit etwa einem Jahr in Deutschland und hast zuvor unglaubliches durchstehen müssen. Erzählst du uns deine Geschichte?

Mohamed: Ich bin im Irak geboren. Dort herrscht seit langer Zeit Krieg und ich habe viele Freunde und meinen Vater verloren, als ich fünf Jahre alt war. Mir blieben nur meine Mutter und meine Schwester, die beide noch immer im Irak sind. Leider dürfen Frauen im Irak nicht arbeiten gehen und so musste ich mit neun Jahren Arbeit suchen, um Geld für uns dazu zu verdienen. Ich habe auf Baustellen als Träger gearbeitet und vor allem Steine befördert. Der Krieg und der Terror wurden immer schlimmer und so schickte mich meine Mutter mit anderen Flüchtlingen fort. Sie wollte mich vor allem vor den Terroristen schützen, die ständig neue Mitglieder suchen. Wenn man sich ihnen nicht anschließt gibt es große Probleme.

So bin ich mit mehreren anderen Flüchtlingen auf ein Boot gekommen, das uns nach Europa bringen sollte, doch das Schiff ist gesunken. Wir waren etwa neun Stunden lang mitten auf dem Meer, ich hatte nur eine kleine Schwimmweste und einen Kanister, an den ich mich halten konnte. Die griechische Polizei hat uns aber schließlich gefunden und in Sicherheit gebracht. Danach habe ich mich einigen Menschen angeschlossen, die nach Deutschland wollten und wir sind, meist zu Fuß, lange unterwegs gewesen, bis wir in München ankamen. Wir waren kaum dort, da habe ich sofort versucht irgendwo Fußball spielen zu dürfen.

fci.de: Warum hast du München verlassen und bist nach Ingolstadt? Nur um Fußball spielen zu können?

Mohamed: Leider war es in München sehr schwierig, weil ich damals noch gar kein Deutsch sprechen konnte. Fußball ist für mich unheimlich wichtig. Jeder Tag, an dem ich nicht spiele, ist ein Tag, an dem ich traurig bin. Ich habe schon im Irak als kleiner Junge begonnen und war bis zur U 14 bei einem Verein aus Bagdad, al-Quwa al-Dschawiya. Als ich geflohen bin, wollte ich so schnell wie möglich wieder Fußball spielen. Ich sagte meinem Heimleiter, dass ich bei einem großen Fußballverein anfangen möchte, doch er meinte, dass das in München nicht möglich sei. Er gab mir aber den Tipp, dass in Ingolstadt ein junger Verein sei und ich dort vielleicht eine Chance bekomme. Also bin ich nach Ingolstadt weitergezogen und lebe seitdem dort in einer Notunterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, wo ich mir ein Zimmer mit zwei weiteren Jungs teile. Wir sind insgesamt 53 Jugendliche aus acht Ländern und werden rund um die Uhr betreut. Mir geht es dort sehr gut, ich habe viele Freunde in der Wohngruppe und ein gutes Verhältnis zu den Betreuern. Zusammen mit den Hilfskräften, den Ehrenamtlichen und meinem Vormund unterstützen sie mich in allen Lebensbereichen, wofür ich unheimlich dankbar bin!


"Er bringt einen einzigartigen Willen mit sich"

fci.de: Benni, du trainierst Mohamed und bist als Coach eine wichtige Bezugsperson für ihn. Wie kam es dazu, dass Mohamed als Flüchtling ein Jungschanzer wurde?

Benjamin Flicker: Er hat zunächst versucht, Kontakt zu Trainern aufzunehmen, um eine Chance im Probetraining zu bekommen. Bei den Talenttagen, die zufällig bald anstanden, konnte er sich dann beweisen und hat uns von sich überzeugt. Man hat gesehen, dass er schon zuvor extrem an seiner körperlichen Verfassung gearbeitet hat und unheimliche Willenskraft besitzt.

fci.de: Nochmals an dich gerichtet, Benni. Welche Stärken siehst du bei Mohamed und woran muss er noch arbeiten?

Flicker: Er ist der ehrgeizigste und fleißigste Spieler, den ich jemals gesehen habe. Mohamed fragt immer wieder nach Extra-Läufen, will Zusatzschichten im Kraftraum absolvieren und hat immer neue Ideen, wie er noch mehr trainieren kann. Allgemein ist er schon sehr gut im Team integriert, auch wenn es noch öfter Kommunikationsprobleme gibt. Zudem gilt es für ihn, taktisch und technisch einiges nachzuholen oder neu zu lernen, doch er macht sich gut. Neben seinem Einsatz ist vor allem seine beeindruckende Kopfballstärke zu nennen. Es ist kein Zufall, dass er bislang in allen fünf bisherigen Partien zum Einsatz kam, er ist in vielen Bereichen ein Vorbild für seine Mitspieler und beispielsweise oft deutlich früher und länger auf dem Platz, um an sich zu arbeiten. Wir sehen ihn vor allem im Mittelfeld oder flexibel in der Offensive. Es ist zwar durchaus ein Mehraufwand und auch ein kleiner sozialer Auftrag, den wir mit ihm erhalten haben, doch Mohamed ist ein klasse Junge, der seinen Weg gehen kann.

fci.de: Mohamed, wie hast du deinen Weg zum FCI erlebt und wie wohl fühlst du dich hier?

Mohamed: Es war nicht leicht, aber jetzt bin ich überglücklich. In Ingolstadt habe ich zunächst beim DJK mitgespielt. Ich wollte von Beginn an zum FCI, doch meine Betreuer meinten, ich sollte noch warten. Ich habe wirklich jeden Tag trainiert, bin laufen gegangen und habe geschuftet, um besser zu werden. Eines Tages habe ich entschlossen, dass ich nicht mehr warten will und bin zum FCI gegangen, um mich bei einem Trainer vorzustellen. Ich bin an diesem Abend bei Minusgraden viel zu spät zur Unterkunft zurückgekommen und die Betreuerin war sauer, da ich mich nicht abgemeldet hatte, doch ich hatte eine Telefonnummer, bei der wir uns melden sollten.

Einige Wochen später durfte ich bei den Talenttagen vorspielen und sie haben mich tatsächlich genommen – ich war so wahnsinnig glücklich!Seitdem stehe ich früh auf, trainiere etwas, dann geht es in die Schule, danach etwas Freizeit, ehe es ins Training geht. Meine Trainer und einfach alle helfen mir sehr. Ich bin so dankbar für die vielen Freunde im Verein und in der Schule. Das Leben hier ist einfach so viel schöner, als im Irak – nur meine Familie fehlt mir sehr. Ich habe allerdings ab und zu Kontakt zu meiner Mutter, sie ist so froh, dass ich es bis hierher geschafft habe und weint immer vor Glück, weil es mir gut geht. Ich wünschte, ich könnte sie nach Deutschland holen.

Flicker: Dass Mohamed hier richtig gut ankommt, kann ich nur bestätigen. Er steht mitten im Team und kommt mit allen gut aus. Das war und ist nicht unbedingt selbstverständlich. Es ist beeindruckend, mit welcher Freude er dennoch jeden Tag auftritt – das ist wirklich einmalig nach allem was er durchstehen musste.

fci.de: Mohamed, was sind deine großen Ziele, was ist dein Traum?

Mohamed: Ich möchte irgendwann Profifußballer werden und meine Mutter und Schwester in Sicherheit bringen. Ich glaube fest daran und arbeite jeden Tag an mir, ich gebe nicht auf.

Flicker: Auch wenn er in der Vergangenheit noch nicht oft auf eine Taktiktafel geschaut hat und noch vieles verbessern muss, kann er es schaffen. Warum auch nicht? Er bringt einen Willen mit, der einzigartig ist!

Mohamed Alhamday jagt täglich seinem großen Traum nach. Wir wünschen ihm auf seinem Weg alles erdenklich Gute und hoffen, ihn noch länger im Trikot der Schanzer zu sehen!