„Keeper sind Individualsportler im Teamsport!“

Martin Scharrer im Kreise seiner Keeper beim FC Ingolstadt 04.

„Keeper sind Individualsportler im Teamsport!“

Seit gut drei Jahren kümmert sich Martin Scharrer um die Torhüter des FC Ingolstadt 04. Beim „Blick hinter die Schanz“ hat uns der gebürtige Nürnberger unter anderem verraten, wie er zum Beruf Torwarttrainer kam und worauf es ankommt, um ein sehr guter Schlussmann zu werden. Gute Unterhaltung!
fci.de: Servus Martin! Woher kommt deine Liebe zum Fußball?

Martin Scharrer: Die Liebe zum Fußball war von Anfang an da. Laut meiner Mutter war mein erstes Wort „Ball“. Von daher ist es mir wohl in die Wiege gelegt worden, obwohl meine Familie nicht allzu sportverrückt ist. Ich bin aber damals schon als Kind überall mit dem Ball hingegangen. Da ging es mir nicht anders als vielen anderen Jungs. Durch meine Schulfreunde und das Kicken auf dem Bolzplatz ging es los – und ich bin davon nicht mehr losgekommen.

fci.de: Wie kommt deine Familie mit deinem Beruf klar?

Scharrer: Für meine Mutter ist es immer wieder neu, dass mein Tagesablauf anders ist und ich sonntags in der Regel auch arbeiten muss. Daran hat sie sich noch immer nicht gewöhnt (lacht). An sich kennen sie es von früher, denn ich habe ja schon immer Fußball gespielt und war somit viel unterwegs. Meine Frau ist auf der einen Seite auch ganz froh, dass sie am Wochenende Zeit für sich hat. Unter der Woche freut sie sich, wenn wir so viel Zeit wie möglich miteinander verbringen können. Wir haben uns gut eingespielt.

fci.de:  Womit beschäftigst du dich in deiner Freizeit am liebsten?

Scharrer: Abseits vom Fußball verbringe ich die meiste Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden. Meine große Leidenschaft ist es, gut essen zu gehen. Mit einem  Gläschen Wein dazu kann ich am besten abschalten und zur Ruhe kommen. Egal ob mit Freunden Grillen oder gemeinsam Kochen – das genieße ich sehr. Hin und wieder koche ich auch selbst. Das ist mit dem Interesse an gesunder Ernährung erwachsen. Das macht mir schon Spaß, mich damit auseinanderzusetzen.


Der Spaß kommt auch beim Torwart-Training nie zu kurz.

fci.de: Hattest du als Kind den Berufswunsch, Fußballprofi zu werden?

Scharrer: Auf jeden Fall. Das war auf jeden Fall der Berufswunsch, den ich gerne erreicht hätte. Auch wenn ich mich für andere Berufsfelder wie Physiotherapie interessiert habe. Letztendlich hab ich mein Studium in Richtung des Lehrerberufes eingeschlagen – auch das hat mich interessiert. Mit Kindern zusammenzuarbeiten und ihnen etwas beizubringen, hat mich schon immer gereizt.

fci.de: Für welche Vereine hat dein Herz als Kind geschlagen?

Scharrer: Ich bin in Nürnberg geboren und aufgewachsen. Außerdem habe ich beim 1. FC Nürnberg Fußball gespielt. Somit ist der Club schon ein besonderer Verein für mich, weil ich den Verein als Fan, Spieler und später als Mitarbeiter schon immer begleitet habe.

fci.de: Was hat dich an der Torhüter-Position fasziniert?

Scharrer: Ich stand schon immer im Tor. Schon als Kind habe ich mich in unserem Garten ins Tor gestellt. Ich weiß nicht, woher es kommt, aber ich bin schon immer gerne im Tor gestanden. Vielleicht, weil meine Grundschnelligkeit nie die beste war und ich möglicherweise zu faul zum Laufen war (lacht).
Als Torhüter musst du immer konzentriert sein und deine Teamkollegen von hinten heraus unterstützen. Das passt zu meinem grundsätzlichen Naturell, gerne zu helfen. Dass ich in gewissen Situationen für die Mannschaft da sein muss und durch wenige Aktionen meinen Teil zum Erfolg beitragen kann, fasziniert mich.


Der 34-Jährige beobachtet die Torhüter bei der Ausführung der Übungen ganz genau.

fci.de: Gibt es ein Schlüsselerlebnis aus deiner Jugend, was dich dazu bewogen hat, die Profilaufbahn einzuschlagen?

Scharrer: Es war irgendwann absehbar, dass es für die ganz große Karriere als aktiver Sportler nicht reichen wird. Trotzdem wollte ich weiterhin etwas mit dem Fußball zu tun haben und in dem Bereich weitermachen. Deshalb bin ich über den Weg sehr glücklich.

fci.de: Du warst Pädagogischer Leiter des NLZ und Jugendtorwarttrainer beim 1. FC Nürnberg. Wie kam das Engagement zustande?

Scharrer: Neben der ausklingenden Karriere in der U 23 des 1. FCN habe ich parallel mein Lehramtsstudium begonnen. Im Anschluss habe ich dort angefangen, als Torwarttrainer zu arbeiten. Außerdem habe ich den Internatsschülern im NLZ der Nürnberger Nachhilfe gegeben und hatte somit Verbindungen zu den Kooperationsschulen. Nach meinem Referendariat stand ich vor der Frage, was ich als nächstes mache. Zu der Zeit wurde beim 1. FC Nürnberg erstmals ein  Pädagogischer Leiter eingestellt. Das konnte ich zusammen mit dem Job des Torwarttrainers gut abdecken. Es war für mich genau das Richtige und ich bin froh, dass es sich so entwickelt hat. Beide Leidenschaften ließen sich perfekt verbinden.

fci.de: Was hat dich bewogen, zum FC Ingolstadt 04 zu wechseln?

Scharrer: Der Anruf von Thomas Linke, dem Sportdirektor des FCI. Ich muss zugeben, dass dieser Anruf relativ überraschend für mich war. Ich dachte eher, dass ich mich in Nürnberg Schritt für Schritt vom Jugendbereich zu den Profis hocharbeiten kann. Das Interesse aus Ingolstadt hat mich geehrt und nach dem ersten Gespräch, welches super lief, habe ich mich sehr über die Zusage des Clubs gefreut. Ich fühle mich hier wirklich sehr wohl.


Martin Scharrer bei der Trainingsvorbereitung im Büro.

fci.de: Anders als andere Torwarttrainer hast du einen anderen Weg in die Bundesliga eingeschlagen. Wie wird man Profi-Torwarttrainer?

Scharrer: Auch bei den Cheftrainern ist eine Entwicklung sichtbar, dass man nicht zwingend selbst Profi gewesen sein muss, um als Trainer Fuß zu fassen. Denn der Beruf des Trainers unterscheidet sich schon sehr von dem des Profis. Es schadet aber nicht, dass man selbst Torhüter war, um sich in die Jungs hineinversetzen zu können. Es ist aus meiner Sicht außerdem wichtig, sich viele Gedanken darüber zu machen, was für die Torhüter im Spiel wichtig ist und wie ich das in Trainingsformen möglichst spielnah einbauen kann. Darüber hinaus muss man ein Gespür dafür haben, dass jeder Torhüter sich in einer anderen Situation befindet und entsprechend individuell behandelt werden muss. Das erfordert soziale Kompetenzen und Menschenkenntnis, um auch die Gruppe der Torhüter zusammenzuhalten. Wir können mit Stolz sagen, dass unsere Keeper sich klasse im Training pushen und klasse miteinander auskommen. Ich wollte auch deshalb Torwarttrainer werden, um mit einer kleinen Gruppe arbeiten zu können. Bei uns ist es ein Miteinander und ständiger Austausch, wie wir unser Training verbessern können, um uns zu entwickeln.

fci.de: Man sagt, dass die Torhüter im Teamsport Fußball ein wenig isoliert sind. Wie siehst du das?

Scharrer: Böse Zungen behaupten: Der Torhüter steht für eine andere Sportart. Im Prinzip trifft es das auch ein Wenig. Denn diese Position bringt schon andere Voraussetzungen mit sich. Hinsichtlich Ausdauer oder Maximalkraft sind die Faktoren beispielsweise ganz anders verteilt als bei einem Außenbahnspieler, der 90 Minuten lang die Linie hoch- und runterläuft. Die Keeper sind Individualsportler im Mannschaftssport, die ihr eigenes Training brauchen. Da wird man als Torwart auch in Übungen eingebaut, die den Feldspielern dienen und die für einen Schlussmann frustrierend sind.  Doch auch hier können die Keeper das nutzen und so ihre Frustrationstoleranz trainieren, indem sie es den Spielern möglichst schwer machen. Es ist also eine unheimlich große Eigenmotivation von Nöten, sich selbst immer wieder auf das Niveau zu bringen, immer besser zu werden und kleine Details zu verbessern. Dazu muss man ein Perfektionist sein. Der Tormann ist selbst weniger am Ball, muss aber auf Situationen im Spiel reagieren. Die entsprechende Reaktion muss perfekt sein, um die Bälle halten zu können. Das macht das ganze Torhüterspiel so interessant.

fci.de: Inwieweit spielt das mentale Training bei den Torhütern eine Rolle?

Scharrer: Die Schwierigkeit ist, dass es vorkommen kann, dass man 90 Minuten lang nichts zu tun bekommt, dann ein Gegentor bekommt, an dem man schuldlos ist und das Spiel mit 1:0 verliert. Dafür muss man mental stark sein. Auf der anderen Seite kann man durch eine Parade auch ein Spiel für die eigene Mannschaft entscheiden und wichtige Punkte sichern. Darauf sind die Jungs im Tor von klein auf vorbereitet. Es erfordert viel Konzentration, auch über 90 Minuten nie abzuschalten, das Spiel zu lesen und die nächste Aktion vorauszuahnen– auch wenn das Spielgeschehen weit weg vom eigenen Tor stattfindet. Das stellt eine große Herausforderung dar.

fci.de: Als Trainingsbeobachter erkennt man, dass du deine Keeper regelmäßig vor neue Aufgaben stellst. Woher nimmst du deine Inspiration für neue Übungen?

Scharrer: Zum einen mache ich mir selbst Gedanken. Zum anderen hilft einem zum Beispiel das Internet. Dort sieht man vielleicht eine gute Idee, die man selbst für die eigenen Zwecke dann hinsichtlich Ausführung anzupassen. Darüber hinaus tausche ich mich auch regelmäßig mit meinen Torwarttrainer-Kollegen aus. Das halte ich auch für wichtig. Wir wollen dabei immer neue Reize setzen, das Training so weiterentwickeln und damit das Optimum rauszuholen.


Der Torwarttrainer fordert seine Schützlinge regelmäßig im Training.

fci.de: Wie würdest du deine Zusammenarbeit mit dem Trainerteam beschreiben?

Scharrer: Wir sitzen alle in einem Büro und ich bin daher mittendrin bei der Planung aller Einheiten und der Spiele. Jeder weiß genau, was zu tun ist und tauschen uns permanent aus – jeder kann sich mit seinen Gedanken einbringen und trägt so zum Gesamtergebnis bei.

fci.de: Vielen Dank für das ausführliche Interview, Martin!