Unterwegs mit dem FCI-Trainergespann: „Jeder Mensch macht Fehler!“

Starkes Duo: Trainer Stefan Leitl mit seinem Assistenten André Mijatovic (Foto: Bösl / KBUMM).

Unterwegs mit dem FCI-Trainergespann: „Jeder Mensch macht Fehler!“

Trainer Stefan Leitl und Co. Andre Mijatovic haben beide für die Schanzer gespielt, heute stehen sie gemeinsam mit ihrem Trainerteam, bestehend aus Martin Scharrer (Torwarttrainer), Jörg Mikoleit und Jan-Philipp Hestermann (Fitness und Athletik) sowie Marcel Hagmann (Individualcoach) an der Seitenlinie. Bei einem Spaziergang am Auwaldsee sprachen beide sehr offen und ehrlich über die Entwicklungen in den vergangenen Monaten..

fci.de: Servus Stefan und Andre! Unsere heutige Lokalität ist der Auwaldsee, unweit vom Audi Sportpark. Kurz und knapp – was verbindet ihr damit?

Andre Mijatovic: Mir fällt sofort ein Mann und eine Einheit ein: Unser Athletiktrainer Jörg Mikoleit und sechsmal tausend Meter-Läufe, ich war anschließend fix und fertig. Aber ich bin hier auch mit unserem Hund ab und an spazieren, mit den Kindern haben wir die Mini-Golf-Bahn getestet.

Stefan Leitl: Wir hatten vergangenen Sommer unser Saisonabschlussfest hier mit der U 21 in der Auwaldsee-Gaststätte, das war ein toller Nachmittag. Ansonsten verbinde ich damit auch einige Athletik-Einheiten, sogar noch unter Michael Wiesinger bzw. dem damaligen Fitness-Trainer Stefan Schaidnagel. Da hatten wir einmal eine wirklich knackige Einheit im tiefsten Winter auf hartem Boden. Zusammengefasst: Der Auwaldsee erweckt gemischte Gefühle (lacht).

fci.de: Das Gute ist, Laufeinheiten sind für euch mittlerweile passé. Als Chef- bzw. Co-Trainer habt ihr seit nunmehr acht Monaten die Verantwortung für die Geschicke der Profimannschaft auf dem Platz. Wie habt ihr die Zeit bisher erlebt?

Leitl: Die Arbeit macht wirklich extrem viel Spaß, weil wir alles und jeden im Verein kennen, kurze Wege haben und vor allem große Unterstützung erfahren. Auf der anderen Seite haben wir Höhen und Tiefen erlebt – was nichts daran ändert, dass die Freude an der tagtäglichen Arbeit gegeben ist.

Mijatovic: Ich kam ja einen Monat nach Stefan dazu. Es fiel mir nicht schwer, mich einzufinden, ich kannte schließlich die Akteure um das Team und auch noch viele Spieler. Gleichzeitig war es zu Beginn schon eine Umstellung, quasi von heute auf morgen auf der anderen Seite zu stehen. Was die Höhen und Tiefen betrifft, die Stefan schon angesprochen hat: Wir sind noch jung, werden uns weiterentwickeln und permanent dazu lernen. Es macht enorm viel Spaß, in diesem Team und speziell an der Seite von Stefan arbeiten zu dürfen.


Gute und schlechte Erinnerungen haben beide an den Auwaldsee (Foto: Kölbel).

fci.de: Nun sieht man zweifellos eine Handschrift und eine Entwicklung, „Höhen und Tiefen“ wurden bereits genannt. Wie schwierig ist es für euch, einen Weg kontinuierlich zu gehen und trotzdem am „nackten Ergebnis“ vom Wochenende gemessen zu werden?

Leitl: Grundsätzlich ist Fußball ein Ergebnissport, und das Ergebnis überschattet alles. Die Art und Weise, wie es dazu kommt, steht oftmals im Hintergrund. Wir haben uns entwickelt, was Strukturen, Abläufe, aber auch die Art, Fußball zu spielen, betrifft. Aber: Diese beiden Dimensionen, Entwicklung und Erfolg, muss man separiert sehen. An erster Stelle steht der Erfolg der Mannschaft.

Mijatovic: Wir kennen die Situation beide noch aus unserer Zeit als Spieler, tragen jetzt aber deutlich größere Verantwortung. Wir sind jung im Geschäft, wissen aber, worauf wir uns einlassen und wollen das ja auch mit allem, was dazugehört!

fci.de: Lassen wir die bisherige Saison nochmal Revue passieren, so bleibt auf jeden Fall zu sagen: Nach drei Spielen mit null Punkten dürfen wir uns glücklich schätzen, uns heute in diesen Tabellenregionen zu bewegen. Nochmal konkret bezüglich der Trainer-Handschrift – wie zufrieden seid ihr mit dem Auftreten der Jungs?

Leitl: Erstmal vorab: Man spricht jetzt immer von dem verkorksten Start mit drei Spielen ohne Punkt, aber auch das war doch ein Prozess – ein negativer Prozess. Abstieg aus der Bundesliga, Wechseltheater um einzelne Spieler, Negativ-Erlebnis zum Start in die Liga, es war einfach zu spüren, dass es nicht so gelaufen ist, wie man es sich vorgestellt hat. Der größte Schritt, den wir seitdem gemacht haben, ist die Art und Weise, Fußball zu spielen. Ich bin überzeugt davon, dass noch keine Ingolstädter Mannschaft so gespielt hat. Und: Auch hier sprechen wir wieder von einem Prozess, das war ein Schritt, den sich die Mannschaft erarbeitet hat.

fci.de: Inwiefern?

Leitl: Zunächst ging es um Stabilität, wir haben dahingehend die Grundordnung geändert, viele Gespräche geführt. Daraus entstand eine neue Situation und neues Selbstbewusstsein. Die Jungs wollten in dem System spielen – und wir waren mit Kombinationsfußball gepaart mitschnellem Passspiel in die Spitze sehr erfolgreich. Das war der größte Schritt in der Entwicklung, dass dann die nächsten Schritte nicht mehr so groß sind, ist klar.

Mijatovic: Ich stimme Stefan zu. Die Art und Weise, wie wir versuchen, Fußball zu spielen, gab es zumindest in der Zeit, seit ich hier bin, noch nicht.

Leitl: Die Betonung liegt auf „Art und Weise“ – wir reden nicht von erfolgreich oder nicht erfolgreich, das steht auf einem anderen Blatt. Jeder Trainer hat seinen eigenen Stil zu spielen, und versucht, diesen zu vermitteln. Wir sind Trainer, die fußballerische Lösungen suchen. Was früher war, interessiert ohnehin nicht – die Entwicklung, wie die Mannschaft auf dem Platz agiert, ist absolut positiv. Losgelöst von Ergebnissen.

fci.de: Dann ist die Ästhetik bei aller Ergebnisabhängigkeit doch das Wichtigere?

Leitl: Natürlich nicht! Der Stil hat sich ergeben aufgrund der Art und Weise, wie die Mannschaft aufgetreten ist. Dadurch kamen wir zur Erkenntnis: Wir können den Schritt gehen! Und damit waren wir ja schließlich auch sehr erfolgreich im Herbst letzten Jahres, die Ergebnisse passten auch.

Mijatovic: Richtig, aber da müssen wir auch ehrlich sein: Eventuell haben wir uns ein wenig täuschen lassen. Denn Mentalität, Laufbereitschaft und Zweikämpfe, das bleiben die Prioritäten in Liga 2. Durch den guten, erfolgreichen und schönen Fußball haben wir es phasenweise vielleicht versäumt, diese elementaren Dinge in den Vordergrund zu stellen. Die Unterschiede zwischen den Mannschaften sind ohnehin minimal, das heißt nach eingehender Analyse unseres Spiels wurde es schwieriger, gegen den Gegner Räume zu finden. Darauf muss man sich dann erst wieder neu einstellen.


Offener und ehrlicher Austausch: Davon profitieren sowohl Leitl, als auch sein Co. MIjatovic sowie das gesamte Trainerteam (Foto: Bösl / KBUMM).

fci.de: Ihr redet beide auch sehr deutlich, offen und vor allem ehrlich über Fehler.

Leitl: Ich kenne keinen fehlerfreien Menschen. Fehler macht jeder. Und wenn du in der Verantwortung stehst und auch dort stehen möchtest, dann ist es normal, kritisch gesehen zu werden. Der eine findet es gut, der andere nicht. Ich bin weit davon entfernt, zu sagen, dass ich alles richtig mache. Ich bin ein völlig normaler Mensch mit Fehlern, aber ich versuche, diese zu minimieren und mich zu verbessern. Jeden Tag. Und ich glaube, dass jeder Fehler eingestehen können muss. Auch, wenn du in der Verantwortung stehst, wo es normal ist, dass permanent Fehler gesucht werden.

Mijatovic: Das bringt uns leider nochmal zu dem Thema: Ergebnisorientiertes Geschäft. Ist denn wirklich alles automatisch schlecht gewesen, wenn du ein Spiel verloren hast? Oder ist denn anders herum im Erfolgsfall alles nur perfekt gewesen? Oftmals sind es Nuancen, und der Gegner macht es manchmal vielleicht auch einfach nur noch einen Tick besser als du selbst.

fci.de: Trotzdem: Über Fehler und Schwächen überhaupt zu reden, ist im Leistungssport, vielleicht in unserer Leistungsgesellschaft, sehr unüblich, oder nicht?

Leitl: Ist ein Fehler eine Schwäche? Ich glaube nicht. Ich halte es für eine Stärke, wenn jemand zu seinen Fehlern steht. Ich glaube, das ist ein Stück weit ein generelles Problem in Deutschland. In anderen Ländern wird Erfolg grundsätzlich erstmal honoriert. Wir tendieren eher dazu, nach negativen Aspekten zu suchen. Das ist jedenfalls mein persönliches Empfinden.

fci.de: Stefan, deine Offenheit gegenüber Fehlern kommt nicht von ungefähr, auch den Fußball an sich hast du bereits an der ein oder anderen Stelle als „Fehlerspiel“ bezeichnet.

Leitl: Richtig. Ich kann Fußball an der Tafel erklären, aberes handelt sich um einen situativen Sport. Du hast äußere Einflüsse, einen Gegner, und – was oft vernachlässigt wird – es wird mit dem Fuß gespielt, nicht mit der Hand. Die Präzision ist dabei automatisch geringer, die Fehlerquote höher. Aber, zurück zum Thema: Statt „der Pass ist schlecht“ kann ich auch sagen, „hätte er den Ball mit mehr Druck gespielt, dann wäre etwas daraus geworden.“ Wie gesagt, meiner Meinung nach tendieren wir in unserer Gesellschaft zu Ersterem.

fci.de: Andre, verlebst du das in deiner kroatischen Heimat auch so?

Mijatovic: Grundsätzlich ist die Sportaffinität außergewöhnlich, nicht nur im Fußball, sondern auch im Basketball, Wasserball oder Handball. Die Menschen leben den Sport sehr, sehr emotional, nehmen es persönlich. Durch die Emotionalität kann man die Rationalität auch mal verlieren. Das, was Stefan angesprochen hat, erleben wir dort aber auch. Ich würde sogar sagen, die Extreme sind noch ausgeprägter: Du wirst sofort gehyped, aber genauso schnell geht es in die andere Richtung. Klar wünscht man sich da ein wenig mehr Kontinuität als Trainer. Trotzdem, es macht Spaß!

fci.de: Ihr seid ein starkes Duo, das sich 2012 noch zu aktiver Zeit beim FCI erstmals zusammengefunden hat. So lange kennt ihr euch also noch gar nicht.

Leitl: Im Fußballgeschäft ist das schon eine lange Zeit. Wir haben damals ein Jahr zusammengespielt, der Kontakt blieb aber darüber hinaus bestehen. Andre kam dann auch im NLZ hinzu, wodurch sich der Austausch wieder intensivierte.

Mijatovic: Ich habe noch bis 2015 gespielt und bekam nicht so viel von der Arbeit der Trainer mit. Man ist als Aktiver nur wenig damit konfrontiert, deswegen war es beeindruckend, dann bei Stefan zu sehen, wie er bei der U 17 arbeitet, wie strukturiert er dabei schon ist und mit welcher Empathie er den Spielern gegenübertritt.

fci.de: Besteht zwischen dem Chef- und dem Co-Trainer eine Freundschaft, oder wäre das zu hochgegriffen?

Leitl: Für mich Freundschaft, ohne Frage. Andre steht mir mit Rat und Tat zur Seite, ist meine absolute Vertrauensperson. Das betrifft nicht nur den Job, Andre kennt mich auch privat sehr gut. Er ist ein ganz wichtiger Mensch in meinem Leben.

Mijatovic: Ich kann das definitiv bestätigen. Stefan kennt mich schon lange, ich bin direkt und ehrlich. Natürlich kenne ich die Hierarchie und achte, dass er der Chef-Trainer ist. Die Tatsache, dass ich offen sprechen kann, war nicht nur mir wichtig, sondern auch ihm selbst. Daher ist es wirklich ein tolles Verhältnis.


Entschlossenen Schrittes geht das Trainerduo dem Saisonende entgegen (Foto: Kölbel).

fci.de: Eure aktiven Karrieren liegen nicht so weit zurück, trotzdem: Haben sich die Spieler von heute verändert?

Mijatovic: Ja. Zeiten und Generationen haben sich verändert, speziell auch durch die sozialen Netzwerke. Persönlich zu sprechen, sich die Meinung zu sagen, das findet nicht mehr so statt, wie es vielleicht mal war.

Leitl: Heute kann ich mich verstecken. Ich kann einen Termin absagen, ohne persönlich Bescheid geben zu müssen, ich kann anonyme Kritik äußern, ohne mich persönlich zu stellen. Unangenehme Dinge können umgangen werden. Das ist für mich die entscheidende Veränderung und bringt einen Wertewandel mit sich.

fci.de: Gut oder schlecht?

Leitl: Kann man sehen, wie man will. Aber auf jeden Fall ist eine Veränderung im Gang, und wir werden sehen, wo es noch hingeht. Ich persönlich bin rückblickend froh, in einer anderen Zeit herangewachsen zu sein und meine fußballerische Entwicklung gemacht zu haben.

fci.de: Ihr habt schon mehrmals betont, dass der familiäre Rückhalt für euch eine große Rolle spielt. Ist es durch euer Trainerdasein noch schwieriger geworden, dem Privaten nachzukommen?

Mijatovic: Wir haben beide drei Kinder in ähnlichem Alter. Wenn du einem Job sehr intensiv nachgehst, bleibt für die Familie nicht ganz so viel Zeit, wie man es sich vielleicht wünschen würde. Umso wichtiger ist der Rückhalt und ich kann nur immer wieder betonen: Ich habe großes Glück, diesen uneingeschränkt zu erfahren.

Leitl: Andre sagt es richtig, das Rad dreht sich weiter. Das Trainergeschäft ist deutlich intensiver als das des Spielers, der Rückhalt umso wichtiger. Die Zeit, die bleibt, nutzen wir aber sehr intensiv und genießen sie im familiären Kreis. Das ist ganz wichtig für mich.

fci.de: Zumindest die näher rückende Sommerpause bietet dafür gute Gelegenheit. Werdet ihr in der spielfreien Zeit abschalten können?

Leitl:  Naja gut, wir sind jedenfalls im gleichen Land und nicht allzu weit auseinander… (lacht)

Mijatovic: Stimmt! Wahrscheinlich werden wir uns in Kroatien treffen, wobei ich auch ein wenig Arbeit mitnehme und meinen Fußballlehrer weiter voranbringen werde. Aber etwas Entspannung gönnen wir uns bestimmt!

fci.de: Vielen Dank für eine äußerst informative Runde um den Auwaldsee!