„Wir haben ein großes Ziel und dafür müssen wir alles geben!“

Konzentriertes Arbeiten beim Training: Ovid Hajou mit dem Schanzer Team.

„Wir haben ein großes Ziel und dafür müssen wir alles geben!“

Ovid Hajou ist das jüngste Mitglied im Trainerteam des FC Ingolstadt 04. Im großen Interview mit fci.de verrät der 33-Jährige, seit wann der Fußball eine wichtige Rolle in seinem Leben spielt, wie der Nordrhein-Westfale sich in Oberbayern eingelebt hat und warum die Schanzer seiner Meinung nach #1bleiben. Viel Spaß!
fci.de: Servus Ovid! Nach fast einem halben Jahr als Co-Trainer in der Bundesliga: Wie fällt dein Fazit aus?

Ovid Hajou: Ich bin sehr zufrieden. Es macht mir riesigen Spaß, hier zu arbeiten. Das Umfeld, die Mannschaft und alle Mitarbeiter drum herum sind toll. Auch unsere Fans sind großartig, sie unterstützen uns jedes Wochenende klasse. Also, alles top!

fci.de: Wie groß war damals die Ehrfurcht vor der Herausforderung, den FC Ingolstadt 04 im November 2016 zu übernehmen?

Hajou: Ehrfurcht wäre jetzt das falsche Wort. Natürlich hatte ich Respekt vor der Aufgabe, denn ich wusste, dass es hier um sehr viel geht. Wir haben aber sofort nach den Gesprächen mit den sportlich Verantwortlichen und dem Trainerteam gemerkt, dass wir auf einer Wellenlänge liegen und dass wir uns sicher sind, dass wir das große Ziel gemeinsam erreichen können.


Die beiden Co-Trainer Ovid Hajou und Michael Henke (links) im Zwiegespräch.

fci.de: Was war – rund um die Schanzer – im Rückblick die größte Überraschung für dich?

Hajou: Es gab jetzt nichts, was mich total überrascht hat. Sehr positiv aufgefallen ist mir hier die familiäre Atmosphäre im und um den FC Ingolstadt 04. Andere Vereine proklamieren sowas ja auch immer schnell für sich und es entspricht nicht den Tatsachen. In Ingolstadt ist das tatsächlich so. Jeder ist hilfsbereit und steht für den anderen mit Rat und Tat ein. Das ist schon außergewöhnlich. Wir sind auch gleich in die FCI-Familie toll aufgenommen und integriert worden.

fci.de: Wie hast du dich in Oberbayern eingelebt?

Hajou: Es ist nach wie vor so, dass ich von meiner Umgebung leider noch nicht so viel mitbekommen habe. Dafür ist die Zeit auf und neben dem Trainingsplatz und die Arbeit an unserem großen Ziel zu intensiv. In meiner Wohnung in Ingolstadt bin ich zum Essen und zum Schlafen, die restliche Zeit wird in die Mission Klassenerhalt investiert. Wir haben ein großes Ziel und dafür müssen wir alles geben! Die Freizeit hält sich da in Grenzen. Aber das Wetter wird jetzt besser und die Tage werden etwas länger. Vielleicht sehe ich dann in naher Zukunft ein bisschen mehr vom Umland.

fci.de: Wo hältst du dich in Ingolstadt am liebsten auf?

Hajou: Ich setze mich gerne in das ein oder andere Kaffee in Ingolstadt, um dort die Gegnervorbereitung zu machen oder Spiele für die Analysen zu schneiden. Zu diesem Zweck bin ich ganz gerne mal im District Five. Da gibt es einen super Cappuccino mit exotische Bohnen. Auch in der Bar Centrale bin ich gerne auf einen leckeren Espresso oder eine Pizza. Ansonsten freue mich drauf Ingolstadt weiter zu entdecken, wenn Zeit dafür da ist.

fci.de: Was hat deine Familie gesagt, als du ihnen mitgeteilt hast, dass du an die Donau ziehst?

Hajou: Es waren alle Familienmitglieder mächtig stolz, dass das Ziel, in der Bundesliga arbeiten zu dürfen, erreicht worden ist. Aber es war auch allen bewusst, dass ich jetzt noch härter arbeiten muss, damit wir auch in der Bundesliga bleiben. Zwangsläufig werde ich nicht mehr so oft vor Ort bei ihnen sein können. Aber die Freude der Familie überwiegt.


Der gebürtige Nordrhein-Westfale bringt sich auch hin und wieder im Training aktiv ein.

fci.de: Wie wichtig ist dir die Familie?

Hajou: Die Familie ist für mich das Wichtigste überhaupt. Dem ordne ich privat alles unter, da sie immer für mich da ist und mir halt gibt. Egal ob es gut oder schlecht läuft, sie sind für mich da. Die wenige Freizeit, die ich habe, verbringe ich auch mit ihnen und besuche meine Schwester und ihre Kinder sowie meine Eltern so oft es geht in Münster oder meine Freundin in Köln.

fci.de: Was schätzt du an der Arbeit beim FCI am meisten?

Hajou: Es macht riesig Spaß mit dieser jungen und hungrigen Mannschaft zu arbeiten. Die Jungs haben Bock darauf, sich jede Woche zu verbessern und versucht, alles abzurufen. Das Team lässt sie nie hängen und kämpft zusammen gegen jeden Widerstand. Alle Beteiligten um die Profimannschaft lassen die Köpfe auch nicht hängen sondern glauben an das große Ziel und tun alles dafür. Das schätze ich sehr.

fci.de: Wann ist in dir der Gedanke gereift, die Trainerlaufbahn einzuschlagen?

Hajou: Das war eigentlich nicht geplant. Ich musste verletzungsbedingt meine Fußballschuhe recht früh an den Nagel hängen und meine aktive Karriere beenden. Daraufhin bin ich in diesen Job so mehr oder weniger hineingerutscht und ich habe schon sehr früh gemerkt, dass mir das Spaß macht und mir der Beruf liegt. Nachdem wir bei den Sportfreunden Lotte immer erfolgreicher wurden, konnte ich mich immer weiter entwickeln und habe die Rückmeldung bekommen, dass ich das wohl nicht so schlecht mache (lacht).

fci.de: Was wäre aus dir geworden, wenn du kein Trainer geworden wärst?

Hajou: Schwierige Frage….(überlegt). Meine Eltern sind beide Lehrer. Mein Papa ist inzwischen Künstler und hat die Lehrertätigkeit aufgegeben und lebt nun nur noch von der Malerei. Meine Mama war Grundschullehrerin und hat immer viel Wert darauf gelegt, dass ich im Unterricht gut aufpasse. Ich habe noch eine Ausbildung als Personaldienstleistungskaufmann. Aber nachdem ich diese abgeschlossen habe, bin ich ganz froh, dass das mit dem Fußball geklappt hat (lacht).


Ständiger Austausch: Das Trainerteam um Cheftrainer Maik Walpurgis bespricht die Trainingseinheit.

fci.de: Hat Fußball schon immer eine große Rolle in deinem Leben gespielt?

Hajou: Ja, es war schon als Kind klar, dass der Fußball eine große Rolle spielen wird. Ich bin schon als Kind immer mit einem Ball herumgelaufen. Ich war schon relativ früh, mit vier Jahren, im Fußballverein angemeldet. Ich konnte schon so früh mitmachen, weil mein Papa bei einem Dorfverein Westfalia Kinderhaus Trainer war. Da war ich fast täglich draußen und habe gebolzt. Heutzutage sind die Kids mit dem PC, der Spielkonsole, dem Handy oder dem Tablet beschäftigt. Bei mir war es so, dass ich direkt nach der Schule auf dem Schulhof zum Kicken geblieben oder auf den Bolzplatz gegangen bin. Bis meine Mutter mich abends an den Ohren nach Hause gezogen hat (lacht). Wenn ich neue Fußballschuhe oder einen neuen Ball hatte, habe ich die Sachen gehegt und gepflegt und neben das Kopfkissen gelegt.

fci.de: Abseits des Fußballs – welche Sportarten spielen in deinem Leben eine Rolle?

Hajou: Mein Neffe hat die körperlichen Voraussetzungen ist sehr talentiert im American Football. Deshalb interessiere ich mich seit ein paar Jahren auch sehr für diese Sporart. Dort versuche ich ihn so gut es geht zu unterstützen. Wobei die Schule immer vorgeht, denn ich bin das beste Beispiel dafür, wie schnell es mit der aktiven Karriere – egal wie gut man ist – auch vorbei sein kann, wenn man Pech hat. Ansonsten mag ich Basketball auch sehr gerne. Ich bin zwar nicht der talentierteste Spieler aber es macht mir großen Spaß und ich schaue mir auch gerne Spiele an.

fci.de: Wie bist du Fußballprofi geworden?

Hajou: Ich habe in meiner Jugend bei Preußen Münster gespielt, dort konnte man in der Gegend damals so am hochklassigsten Spielen und trainieren. Bis zur A-Jugend habe ich dort gespielt und war schon als Jugendlicher bei dem einen oder anderen Spiel der ersten Mannschaft dabei. So bin ich wohl aufgefallen. Vor 15 Jahren war das noch etwas Besonderes. Anders als heute, wo junge Spieler wie bei uns Lukas Gerlspeck oder Patrick Sussek regelmäßig bei den Prodis mittrainieren.

fci.de: Wenn dich privat trifft, sieht man, dass dir auch Mode wichtig ist. Kann man das so sagen?

Hajou: Nicht wirklich. So intensiv beschäftige ich mich damit nicht und meine Klamotten sind eher von H&M und Zara als von irgendwelchen teuren Designern. Aber ich versuche mich schon so zu kleiden, dass es passt. Schön, wenn es euch gefällt (lacht).

fci.de: Du hast syrische Wurzeln. Welche Einflüsse aus der Heimat deines Vaters haben dich geprägt?

Hajou: Vor allem der ausgeprägte Familiensinn hat mich sehr geprägt. In meiner Familie war das immer normal, dass man Familienmitglieder bei sich zu Hause aufnimmt, egal wie spontan sich diese angesagt haben. Wenn dann zum Beispiel ein Onkel abends um neun anruft und sagt, er kommt gleich vorbei mit seiner Frau und den drei Kindern, dann war das normal, dass dann aufgetischt worden ist. Gastfreundlichkeit wird bei uns eben extrem groß geschrieben. Ich habe zum Beispiel auch einmal Freunde mit zu meiner Tante gebracht, die meinen Freunden angeboten hat, dass sie jederzeit zum Essen vorbeikommen können, wenn sie in der Nähe sind. Das ist für uns selbstverständlich. Meine Freunde und Familie glücklich machen zu wollen, ist mir sozusagen in die Wiege gelegt worden.


Fühlt sich pudelwohl in Ingolstadt: Co-Trainer Ovid Hajou

fci.de: Was würdest du zu dem Szenario sagen, dass die Schanzer den Klassenerhalt am letzten Spieltag gegen den Verein aus deiner Geburtsstadt packen?

Hajou: Das ist mir völlig egal, die Hauptsache ist, dass wir den Klassenerhalt schaffen. Ob am letzten Spieltag, über die Relegation oder früher spielt keine Rolle. Das Ziel ist das entscheidenden und wenn wir das schaffen, bin ich überglücklich. Ich schätze unsere Chancen nach wie vor als sehr gut ein, weil ich sehe, wozu die Mannschaft fähig ist.

fci.de: Vielen Dank für das Interview, Ovid!